Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (Jg. 26, 1879) by Various

2. Stockwerkes mit dem Aushauen der durch die Witterungseinflüsse

vollständig zerstörten Fialen, Gesimse und Maßwerke. Wenngleich der hohe Grad der Verwitterung des im Mittelalter zu den Dombauten ausschließlich verwendeten Drachenfelser Gesteins, namentlich an der Westseite des südlichen Thurmes, durch den Augenschein erkennbar war, so fand sich nach Errichtung der Gerüste und bei der genauen Untersuchung des baulichen Zustandes eine so ausgedehnte und gleichmäßige Verwitterung der gesammten Ornamentik, daß von einer theilweisen Erhaltung derselben Abstand genommen werden mußte, und sich die Nothwendigkeit ergab, sowohl die frei abgelösten Fialen, Wimberge und Kreuzblumen, Fenstermaßwerke und Fensterrippen, wie auch die dem Mauerwerk der Thurmpfeiler angearbeiteten Gesimse, Maßwerke, Profilstäbe und Krönchen sämmtlich auszuhauen resp. abzunehmen und in dem jeder Verwitterung widerstehenden, sehr harten Obernkirchener Stein zu erneuern. So zeitraubend und kostspielig die Restaurationsarbeiten am südlichen Domthurme durch diese allseitige Verwitterung der Ornamentik auch geworden sind, so wenig ist die Standfähigkeit der Thurmpfeiler selbst hiervon berührt, da die glatten Blendquadern den atmosphärischen Einflüssen während dreier Jahrhunderte einen ungleich besseren Widerstand geleistet haben, und die ca. 2 cm. betragende Abarbeitung der Köpfe der Blendquadern bis auf den völlig gesunden Stein, bei einer Dicke der Umfassungswände der Thürme daselbst von ca. 4 m. für die Stabilität des Thurmmauerwerks ohne jede Bedeutung ist. Zu Anfang Mai 1879 hat nach Errichtung der Lehrgerüste die Einwölbung der Thurmhalle im Erdgeschosse des südlichen Thurmes mit der Konstruktion des für den Durchzug der Glocken bestimmten Kreuzgewölbes begonnen, das bei einer Grundfläche von 7 m im Quadrat um einen Schlußstein von 3,60 m lichter Weite gewölbt ist. Nachdem die Einwölbung dieser Thurmhalle beendet und der Fußboden darüber auf den Entlastungsgewölben verlegt sein wird, kann die Aufstellung der neuen, in der Mannhardtschen Fabrik zu München gefertigten Thurmuhr im 1. Stockwerke des südlichen Thurmes erfolgen. Die neue Domuhr schlägt Stunden und Viertelstunden sowohl an den großen im Glockenstuhle aufgehängten alten Uhrglocken, wie auch gleichzeitig an den kleineren, im Innern der Kirche befindlichen Glocken, und gibt auf zwei in der Vorhalle und in der Kirche angebrachten großen Zifferblättern die Zeit an. Der plastische Schmuck der Domkirche hat im Laufe des Jahres 1878 durch Aufstellung der großen Figuren nebst Baldachinen und Konsolen in der Vorhalle zwischen den Westthürmen einen neuen Zuwachs erhalten; auch sind die Reliefs, wie die kleinen sitzenden Heiligenfiguren in den Bogenlaibungen der Seiteneingänge im Nordportal in den Bildhauer-Ateliers so weit fertig gestellt, daß deren Einfügung im Laufe dieses Sommers erfolgen kann. Die im Mittelalter unausgeführt gebliebenen 48 Schlußfialen zur Bekrönung der Baldachine über den großen Figuren an den Säulen des Mittelschiffes im Lang- und Querschiffe konnten gleichfalls in Angriff genommen werden, und es hat die Aufstellung dieser aus französischem Kalkstein gearbeiteten zierlichen Fialen seit Anfang Mai d. J. begonnen. Das Aufziehen der sämmtlichen Domglocken mittels hydraulischer Presse ist in der Zeit vom 13. Juli bis 7. August 1878 durch die kölnische Maschinenbau-Aktiengesellschaft zu Bayenthal ohne jeden Unfall zur Ausführung gekommen, und es gelangte die 540 Centner schwere Kaiserglocke am 7. August v. J. auf die Höhe des 55 m. über dem Fußboden der Kirche belegenen neuen eisernen Glockenstuhls. Nach mehrfachem Probeläuten, wobei sich die Stabilität des neuen Glockenstuhls allseitig bewährt hatte, indem eine Uebertragung von Stößen weder auf die Blechbalken des Unterbaues, noch auf die Umfassungswände des südlichen Thurmes bemerkt wurde, erklang am 26. September 1878, gelegentlich der Feier der Enthüllung des Standbildes König Friedrich Wilhelm’s III., beim Einzuge Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin in die Stadt Köln, zum ersten Male wieder seit dem im Jahre 1876 erfolgten Abbruche des alten hölzernen Glockenstuhles das nunmehr nach Einhängung der Kaiserglocke aus fünf großen Glocken bestehende und nahezu 50,000 kg. wiegende Domgeläute. Neben der Ausführung der Steinkonstruktion zu den Thurmhelmen und den großen Kreuzblumen ist die rechtzeitige Vollendung der Thürme wesentlich von der Aufstellung der letzten drei Gerüstetagen abhängig und erfordern diese umfangreichen und in einer Höhe von 160 m. über dem Erdboden den Sturmwirkungen in erhöhtem Maße ausgesetzten Baugerüste eine besonders solide und sorgfältige Konstruktion und Ausführung. Da das Aufschlagen von Gerüsten in solcher Höhe erfahrungsgemäß nur bei gutem Wetter und völliger Windstille geschehen kann, so lassen sich nur die Sommermonate von Mai bis September für derartige Rüstungsarbeiten mit Sicherheit in Aussicht nehmen, und es bleibt somit die Aufgabe der Bauleitung, im Laufe dieses Sommers die fünfte und sechste Gerüstetage zu vollenden, um dann im Jahre 1880 nach Errichtung der siebenten und achten Gerüstetage die Krone beider Helme zu versetzen. Als planmäßiger Reinertrag der 14. Dombau-Prämienkollekte ist die Summe von 557,000 m. in die Kasse des Central-Dombauvereins geflossen; es beträgt der für das Etatsjahr vom 1. April 1878/79 von Seiten der Vereinskasse zum Fortbau des Domes in die Königliche Regierungshauptkasse eingezahlte Betrag im Ganzen 630,000 m. Laut Nachweisung der Regierungs-Hauptkasse zu Köln sind für den Dombau zu Köln verausgabt im Etatsjahr 1. April 1878/79 im Ganzen 780,842 m. 32 pf. Verantwortliche Redaction: Dr. /A. Essenwein/. Dr. /G. K. Frommann/. Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg. Gedruckt bei /U. E. Sebald/ in Nürnberg. ANZEIGER FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT. Neue Folge. Sechsundzwanzigster Jahrgang. [Illustration] =Nürnberg.= Das Abonnement des Blattes, welches alle Monate erscheint, wird ganzjährig angenommen und beträgt nach der neuesten Postconvention bei allen Postämtern und Buchhandlungen _Deutschlands_ incl. Oesterreichs 3 fl. 36 kr. im 24 fl.-Fuss oder 6 _M_. 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