Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit (Jg. 26, 1879) by Various

1879. 8. XXX u. 177 Stn.

Die lebensfrischen, bald ernsten, bald leichtfertigen, zuweilen von hohem dichterischen Schwunge getragenen Rhythmen der mittelalterlichen Vaganten oder fahrenden Schüler haben sich einer wachsenden Beachtung und Werthschätzung erfreut, seitdem J. Grimm energisch auf ihre Bedeutung hinwies und die Blüthe von allen, die Lieder des Archipoeta, neu herausgab. In neuester Zeit sind mehrere Sammlungen erschienen, welche vorwiegend die heitere Seite hervorkehren und vorzüglich aus dem reichen Born der Benedictbeuerer Handschrift schöpfen. Auch die vorliegende Sammlung ist aus ihr entnommen und bietet uns zugleich einen recht gelungenen Versuch, durch eine freie und fließende Uebersetzung die Lieder auch in solche Kreise einzuführen, welchen sie bisher unzugänglich waren. Wir können dem Verfasser, welcher mit großer Liebe zur Sache sich seiner Aufgabe gewidmet hat, nur dankbar dafür sein. Vorausgeschickt hat er eine Darstellung dieser Dichtart und der Kreise, aus welchen sie hervorgieng. Dafür, daß die Vaganten „an belebten Kreuzstraßen splitternackt“ gepredigt hätten (S. 22.), möchten wir uns aber doch einen Beweis ausbitten und ferner uns verwahren gegen die Verwendung des Wortes bursa=Bursch. Als Collectivbezeichnung kommt es allerdings vor, aber doch wol nie für einen einzelnen bursarius. Uebrigens können wir das hübsch ausgestattete Büchlein nur bestens empfehlen. Vermischte Nachrichten. 102) Herr Morel Fatio, welcher Untersuchungen auf Pfahlbauten im Genfer See anstellt, hat ein uraltes großes /Boot/ gefunden, welches bis auf kleine Schäden am hinteren Ende wohlerhalten ist. Dieser „Einbaum“ aus einem großen Tannenstamm ist 32 Fuß lang und 2-3/4 Fuß weit. Das Vordertheil ist mit Schnitzwerk verziert. Diese Reliquie aus vorhistorischer Zeit kommt in das Museum von Luzern. (Nürnb. Presse, Nr. 233.) 103) /Cöln/, 29. August. Die /Restaurationsarbeiten/ an unserer /Apostelkirche/, einem Baudenkmal ersten Ranges aus der Blüthezeit des romanischen Stils, nehmen den erwünschten Fortgang und sind bereits so weit gefördert worden, daß voraussichtlich mit Ablauf der diesjährigen Bauperiode die prachtvolle, dem Neumarkt gegenüberliegende Ostpartie der Kirche, einschließlich des reich profilierten Sockels, fertiggestellt sein wird. (D. Reichs-Anzeig., Nr. 205.) 104) /Die Abteikirche zu Knechtsteden/ bei Neuß, ein edler romanischer Bau des 12. Jahrh., die i. J. 1869 durch einen in den Wirthschafts-Gebäuden ausgebrochenen Brand zum Theil zerstört und demnächst mit einem Nothdache versehen wurde, droht nach einem Berichte der K. Z. die Gefahr allmählichen Untergangs, wenn nicht Maßregeln zur dauernden Unterhaltung des Bauwerks getroffen werden. Zur vollständigen Herstellung desselben in alter Schönheit sollen nicht mehr als 60000 m. gehören; die Kosten für Unterhaltung des Daches und der Wasserabflüsse sind für die nächste Zeit auf nur 150 m. im Jahre veranschlagt; aber es fehlt an öffentlichen Fonds, aus denen diese Kosten bestritten werden können. Wiederum ein Beleg für die traurigen Verhältnisse, die in dieser Beziehung in Deutschland herrschen, wenn man sich der Aufwendungen erinnert, die Frankreich alljährlich für seine historischen Baudenkmale macht. Es ist vorgeschlagen worden, daß im Kreise Neuß ein Verein _ad hoc_ gegründet werden solle, der zunächst die obenbezeichneten Unterhaltungskosten aufzubringen sich zur Aufgabe stellt. (Deutsche Bauzeitung, Nr. 66.) 105) /Antwerpen/, 25. Aug. Unserer Stadt droht ein großes Unglück: der Thurm unserer berühmten /Kathedrale/ erweist sich so baufällig, dass man seinen Einsturz befürchtet, wenigstens seiner Spitze von der letzten Galerie an. Zum Bau derselben soll nämlich, wie es heißt, ein Stein verwendet worden sein, der den Einflüssen der Witterung nicht genügend Widerstand zu leisten vermag. Die Spitze ist dem Ruine nahe. (Augsb. Postztg., Nr. 201.) 106) /Frankenberg/, 13. August. 1879. /Aus dem westlichen Amtsbezirk./ Zu den mineralogischen Funden beim Bau der Chemnitzthalstraße (Granaten, deren und oft ziemlich große noch alltäglich aufgelesen werden) ist in voriger Woche ein archäologischer hinzugekommen. Unweit der Bräunig’schen Fabrik in Reitzenthal förderten Bodenarbeiter ein irdenes Gefäß zu Tage, in welchem sich etwa 40 Silber-Bracteaten von der Größe eines Guldens befanden. Deutlich zeigten diese überaus dünnen Münzen auf der einen Seite die Figur eines Adlers. Der scharfen Prägung wegen darf man vermuthen, daß die letztere in eine an Edelmetallen noch arme Zeit fällt, wo man es damit noch genau nahm, also wohl früher als die Entdeckung der Freiberger Silberminen. Leider konnte nur die größere Hälfte des Fundes an die Behörden abgeliefert werden, da die Arbeiter, in der Meinung, es sei etwas „Verbanntes,“ mit dem Gefäße übel umgegangen waren. (Frankenberger Tagebl., Nr. 189.) 107) In Nr. VIII der numismatischen Blätter von J. Nentwich gibt A. Bußon ausführliche Mittheilungen über einen Münzfund, der im Mai d. J. im Spitalwalde bei /Bruneck/ im Pusterthale gemacht und für das Ferdinandeum in Innsbruck erworben wurde. Er enthält 654 Tiroler Silbermünzen, Meinhardtszwainziger und Vierer des 13. und 14. Jhdts., 4 fremde Goldmünzen und einige italienische Silbermünzen. Die Zahl der Fundstücke scheint ursprünglich noch größer gewesen und ein Theil wol sofort in verschiedene Hände gekommen zu sein. 108) Ein bisher unbekannter deutscher Goldschmied ersten Ranges ist durch die diesjährige Ausstellung in Münster bekannt geworden. Gegenwärtig sind die Arbeiten desselben im Berliner Kunstgewerbemuseum ausgestellt. Der Meister zeichnet sich Anthon /Eisenhoidt/ aus Warburg (Westfalen) und stand 1589-1600 im Dienste des Fürstbischofs von Paderborn, Theodor von Fürstenberg. Seit dieser Zeit sind die Werke im fideicommissarischen Besitze der Grafen Fürstenberg-Herdringen geblieben. Es sind dies sechs Stück: zwei Bucheinbände in Folio, ein Weihbrunnkessel mit Aspergill, ein Crucifix mit Kelch und ein Rauchfaß, letzteres in gothischem Stile (in der Art des Schongauer’schen Rauchfasses), die anderen Gegenstände in Spätrenaissance mit figuralem und ornamentalem Schmuck reich verziert und von vollendeter Treib- und Ciseliertechnik. Eisenhoidt war auch Kupferstecher und Stempelschneider. -- Die Ornamentstichsammlung des k. k. Oesterr. Museums besitzt ein Blatt dieses Meisters: das Brustbild des Caspar Schuhsper in reicher Umrahmung mit allegorischen Figuren, bezeichnet: Antonio Eisenhoit fecit 1585. Mit W. Jamnitzer lässt sich Eisenhoidt nicht vergleichen. Jamnitzer ist der größere Künstler; seine Kunst ist stilreiner und vollendeter als die Eisenhoidts. Bei einigen Stücken mischen sich merkwürdiger Weise gothische Motive mit Elementen der Spätrenaissance. Sieht man aber von dieser Eigenthümlichkeit der Stilrichtung ab, und beurtheilt man Eisenhoidt als Kunsttechniker, so kann es gar keine Frage sein, daß Eisenhoidt als Goldschmied das figurale wie das ornamentale Relief, die Treib- und Ciseliertechnik in ganz wunderbarer Weise vereinigt. Er ist ein Virtuose in seiner Kunst. Direktor Julius /Lessing/ bereitet eine mit einem eingehenden Texte versehene Ausgabe der entdeckten Werke Eisenhoidts vor, auf welche wir unsere Leser seiner Zeit besonders aufmerksam machen werden. (Mittheil. d. k. k. Oesterr. Museums f. Kunst u. Industrie, Nr. 168.) Verantwortliche Redaction: Dr. A. /Essenwein/. Dr. G. K. /Frommann/. Verlag der literarisch-artistischen Anstalt des germanischen Museums in Nürnberg. Gedruckt bei U. E. /Sebald/ in Nürnberg. [Illustration: Spinett des Martinus van der Biest. 1580.] ANZEIGER FÜR KUNDE DER DEUTSCHEN VORZEIT. Neue Folge. Sechsundzwanzigster Jahrgang. [Illustration] =Nürnberg.= Das Abonnement des Blattes, welches alle Monate erscheint, wird ganzjährig angenommen und beträgt nach der neuesten Postconvention bei allen Postämtern und Buchhandlungen _Deutschlands_ incl. Oesterreichs 3 fl. 36 kr. im 24 fl.-Fuss oder 6 _M_. Für _Frankreich_ abonniert man in Paris bei der deutschen Buchhandlung von F. Klincksieck, Nr. 11 rue de Lille; für _England_ bei Williams & Norgate, 14 Henrietta-Street Covent-Garden in London; für _Nord-Amerika_ bei den Postämtern Bremen und Hamburg. Alle für das german. Museum bestimmten Sendungen auf dem Wege des Buchhandels werden durch den Commissionär der literar.-artist. Anstalt des Museums, /F. A. Brockhaus/ in Leipzig, befördert. ORGAN DES GERMANISCHEN MUSEUMS.